Nahrungsergänzungsmittel: notwendig oder Marketing?

info • 7. August 2026

Nahrungsergänzungsmittel: notwendig oder Marketing?

Zwischen einem Regal voller Dosen und der Frage, was dein Körper wirklich braucht


Stell dir das Drogerieregal vor: Vitamin D hier, Omega-3-Kapseln da, dazu ein „Immun-Komplex" mit zwölf Zutaten und einem Preisschild, das mehr verspricht als es erklärt. Nicht jeder Patient in meiner Praxis in Traunstein und Chieming spricht mich darauf an – aber gedacht hat es fast jeder: Sind Nahrungsergänzungsmittel notwendig, oder finanziere ich nur die Marketingabteilung?



Als TCM-Therapeut mit dem Schwerpunkt Traditionelle Chinesische Medizin – und der Orthomolekularen Medizin als wachsendem Nebengebiet, das ich seit Jahren vertiefe – sehe ich beide Seiten. Auf der einen stehen echte, diagnostizierte Mängel, die dringend ausgeglichen gehören. Auf der anderen ein Markt, der Angst vor dem Mangel verkauft, wo eigentlich Ernährung, Verdauung und eine ausgeglichene Lebensweise das Thema wären. Die ehrliche Antwort liegt, wie so oft in der TCM, nicht im Entweder-Oder, sondern in der genauen Betrachtung des Einzelfalls.

1. Sind Nahrungsergänzungsmittel notwendig? Die Verunsicherung vor dem Regal


Nahrungsergänzungsmittel sind für die meisten Menschen ohne diagnostizierten Mangel nicht pauschal notwendig – das betonen ernährungsmedizinische Fachstellen wie die Stiftung Ernährung und Gesundheit und die Techniker Krankenkasse unabhängig voneinander. Gleichzeitig zeigt die Studienlage, dass echte Mängel bei bestimmten Nährstoffen alles andere als selten sind. Genau dieser Widerspruch lässt so viele Menschen vor dem Regal ratlos stehen: Die pauschale Aussage „du brauchst das nicht" greift ebenso zu kurz wie das pauschale „nimm einfach mehr".


In meiner Praxis erlebe ich beide Extreme fast täglich. Da ist die Berufstätige, die morgens fünf verschiedene Kapseln schluckt, weil eine Empfehlung aus dem Internet überzeugend klang – und nie einen Bluttest gemacht hat. Da ist der Vater von drei Kindern, eine Situation, die ich als Vater selbst gut kenne, der aus Zeitmangel gar nichts einnimmt, obwohl sein Blutbild einen klaren Eisenmangel zeigt.


Das Problem beginnt selten beim Produkt selbst. Es beginnt bei der Frage, die kaum gestellt wird: Woher weiß ich, ob mein Körper tatsächlich zu wenig bekommt? Wer erschöpft ist, leichter friert oder schlecht schläft, sucht verständlicherweise nach einer schnellen Erklärung – und ein Fläschchen mit vielversprechendem Etikett liefert diese Erklärung bequemer als ein Blutbild oder ein ehrliches Gespräch über Ernährung, Schlaf und Stress. Dennoch bleibt die Blutentnahme der zuverlässigste Weg: Erst sie macht aus einer geratenen eine gezielte Supplementierung.



Wer verunsichert vor dem Regal steht, sucht eigentlich nicht das nächste Produkt, sondern Klarheit. Und dafür lohnt sich zuerst ein nüchterner Blick darauf, warum dieses Regal überhaupt so unübersichtlich geworden ist.

2. Marketing: Warum Nahrungsergänzungsmittel nicht auf Wirksamkeit geprüft werden


Ein wesentlicher Grund liegt nicht in der Biologie, sondern im Recht: Nahrungsergänzungsmittel gelten laut Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NemV) rechtlich als Lebensmittel, nicht als Arzneimittel. Ein Präparat muss beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit lediglich angezeigt werden – eine Wirksamkeitsprüfung, wie sie jedes Medikament vor der Zulassung durchläuft, findet nicht statt. Der Hersteller muss belegen, dass sein Produkt sicher ist, nicht dass es wirkt.


Das erklärt vieles, was meine Patienten irritiert: warum zwei Präparate mit fast identischem Versprechen völlig unterschiedliche Dosierungen enthalten, warum manche Kombinationspräparate zwölf Zutaten in kaum wirksamen Mengen mitbringen und warum die Werbung mit Formulierungen arbeitet, die viel andeuten und wenig behaupten. Konkrete gesundheitsbezogene Aussagen sind streng reguliert – Produktnamen, Bildsprache und Verpackungsgestaltung dagegen kaum.


Wie groß dieser Markt inzwischen ist, überrascht selbst mich. Zwischen September 2024 und September 2025 wurden in Deutschland rund 4,3 Milliarden Euro mit Nahrungsergänzungsmitteln umgesetzt, bei etwa 415 Millionen Packungen – ein Absatzsprung von rund 72 Prozent gegenüber 2022 (Lebensmittelverband Deutschland, Juni 2026). Zwei Drittel der Menschen in Deutschland nehmen regelmäßig Supplemente. Die wenigsten davon auf Basis eines Bluttests.


Ab 2026 tritt in der EU eine verbindliche Regelung zu Höchstmengen für risikobehaftete Nährstoffe wie Vitamin A, D, Eisen und Selen in Kraft. Diese Entwicklung sehe ich mit gemischten Gefühlen. Einerseits schützt sie Menschen, die auf gut Glück hochdosiert supplementieren. Andererseits wird es damit schwieriger, bei einem tatsächlich nachgewiesenen Mangel überhaupt ausreichend zu dosieren – wer einen ausgeprägten Vitamin-D- oder Eisenmangel hat, braucht in der Anfangsphase nun einmal deutlich mehr als die allgemeine Erhaltungsdosis. Die Regelung denkt vom Durchschnitt her, ein Mangel ist aber immer individuell.


Und noch etwas schwingt bei der Einordnung als Lebensmittel mit, das ich für problematisch halte: Sie sendet nebenbei das Signal, Nahrungsergänzungsmittel seien keine „richtige" Medizin und das Thema damit nicht wichtig genug, um genauer hinzuschauen. Meine Erfahrung ist eine andere: Ein ausgeprägter Vitamin-D-, Eisen- oder B12-Mangel verändert spürbar, wie ein Mensch sich fühlt und funktioniert. Mikronährstoffe verdienen dieselbe Sorgfalt wie jedes Medikament: die richtige Substanz, in der richtigen Qualität, in der richtigen Dosis, aus dem richtigen Grund.



Wer bis hierhin liest, könnte den Schluss ziehen: also alles nur Geschäft. Das wäre allerdings nur die eine Hälfte der Wahrheit.

3. Medizin: Warum Vitamin-D- und Omega-3-Mangel so verbreitet sind


Für die meisten Menschen mit ausgewogener Ernährung ist eine zusätzliche, über den Bedarf hinausgehende Zufuhr von Mikronährstoffen ohne nachweisbaren Nutzen – teils sogar mit Risiken verbunden. Sinnvoll bleibt eine gezielte Supplementierung in klar definierten Fällen: Folsäure in der Schwangerschaft, Vitamin B12 bei veganer Ernährung, Eisen bei nachgewiesenem Mangel.


Bei zwei Nährstoffen liegt der Fall allerdings anders. Vitamin D und Omega-3 sind aus meiner Sicht die beiden Ausnahmen, bei denen die Versorgung ohne gezielte Ergänzung bei der großen Mehrheit schlicht nicht ausreicht – und zwar nicht wegen einer nachlässigen Lebensweise, sondern aus Gründen, die niemand durch Willenskraft ausgleichen kann.


Vitamin D: Sonne allein reicht in unseren Breiten nicht. Deutschland liegt zwischen dem 48. und 54. Breitengrad. In dieser Lage steht die Sonne von Oktober bis März so flach, dass die UVB-Strahlung, die für die Vitamin-D-Bildung in der Haut nötig ist, die Erdoberfläche praktisch nicht mehr erreicht – über etwa fünf bis sechs Monate im Jahr findet also gar keine körpereigene Produktion statt, ganz unabhängig davon, wie viel Zeit man draußen verbringt. Der Körper zehrt in dieser Zeit von den Speichern, die er im Sommer angelegt hat. Und genau hier liegt das Problem: Diese Reserven reichen in den meisten Fällen nicht über den gesamten Winter. Das Robert Koch-Institut hat entsprechend erhoben, dass im Winter mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland unter dem Grenzwert von 20 ng/ml liegt – im Jahresdurchschnitt erreichen fast 60 Prozent nicht die wünschenswerte Konzentration (RKI/BfR/DGE).


Man kann sich aus diesem Problem auch nicht herausonnen. Um über den Sommer wirklich hohe Speicher aufzubauen, bräuchte es eine Sonnenexposition, die dermatologisch niemand empfehlen würde – ganz abgesehen davon, dass Hauttyp, Alter, Sonnenschutz, Kleidung und die Zeit, die wir tatsächlich draußen verbringen, die Bildung zusätzlich begrenzen. Ein bisschen Sonne tanken im Sommer ist gut für vieles, für einen ganzjährig stabilen Vitamin-D-Spiegel reicht es bei den meisten Menschen nicht.


Omega-3: Die empfohlenen Werte sind über die Ernährung kaum zu erreichen. WHO und DGE empfehlen etwa 250 bis 300 Milligramm EPA und DHA pro Tag, was ein bis zwei Portionen fettreichem Seefisch pro Woche entspricht. Als Zielbereich für den Omega-3-Index – den Anteil dieser beiden Fettsäuren in der Zellmembran der roten Blutkörperchen – gelten 8 bis 11 Prozent. Die Praxis sieht anders aus: Wer zweimal pro Woche fetten Seefisch isst, liegt tendenziell erst bei etwa 6 Prozent, also noch unter dem Zielbereich. Und die meisten Menschen essen deutlich weniger Fisch als das. Eine weltweite Untersuchung des Fettsäurestatus zeigt entsprechend, dass rund drei Viertel der untersuchten Erwachsenen zu wenig EPA und DHA im Blut haben.


Wer den empfohlenen Bereich ohne Supplementierung erreichen will, müsste also mehrmals wöchentlich fetten Seefisch essen – konsequent, über Jahre. Das gelingt in der Realität den wenigsten, und mit Blick auf Schwermetallbelastung und Überfischung ist es auch nicht die naheliegendste Lösung.


Dazu kommt ein Faktor, der noch alle anderen Nährstoffe betrifft: der Teller selbst. Eine vielzitierte Langzeituntersuchung (Davis, University of Texas, 2004) verglich Nährwertdaten von 43 Obst- und Gemüsesorten zwischen 1950 und 1999 und fand deutliche Rückgänge bei Eiweiß, Kalzium, Eisen, Vitamin B2 und Vitamin C – bei Brokkoli sank der Kalziumgehalt um rund 75 Prozent. Ertragsstarke Sorten und ausgelaugte Böden liefern heute schlicht weniger Nährstoffe pro Bissen als vor vierzig Jahren.


In meiner Praxis im Chiemgau sehe ich das saisonale Muster jedes Jahr: Ab November häufen sich die Anfragen zu Erschöpfung, Infektanfälligkeit und Vitamin-D-Werten. Das ist kein Zufall, sondern Geografie.



Ein dritter Faktor wird fast immer übersehen: Stress. Stell dir vor, du fährst mit dem Auto gemütlich durch die Landschaft – der Verbrauch bleibt niedrig. Fährst du dieselbe Strecke gehetzt und mit hohem Tempo, verbrennt der Motor spürbar mehr Kraftstoff. Ähnlich verhält es sich mit deinem Mikronährstoffhaushalt: Ein Körper im Dauerstress verbraucht Vitamin D, Magnesium und Omega-3-Fettsäuren schneller als einer, der im eigenen Rhythmus unterwegs ist. Deshalb können zwei Menschen mit nahezu identischer Ernährung völlig unterschiedliche Blutwerte haben.

4. Bioverfügbarkeit und Qualität: Warum nicht jedes Präparat gleich wirkt


Bioverfügbarkeit bezeichnet den Anteil eines Nährstoffs, der nach der Einnahme tatsächlich ins Blut gelangt und dem Körper zur Verfügung steht. Das ist der Punkt, der auf keiner Verpackung groß gedruckt steht: Auf dem Etikett steht, wie viel drin ist – nicht, wie viel bei dir ankommt.


Am deutlichsten sieht man das bei Magnesium. Magnesiumoxid ist die günstigste Verbindung, wird vom Körper aber nur zu einem kleinen Teil aufgenommen. Für Magnesiumcitrat zeigt eine randomisierte Crossover-Studie der Gesellschaft für Magnesium-Forschung dagegen eine deutlich bessere Bioverfügbarkeit. Was nicht aufgenommen wird, zieht im Darm Wasser an – der Grund, warum billige Magnesiumpräparate bei manchen abführend wirken.


Ähnlich ist es bei Omega-3: Die natürliche Triglycerid-Form wird besser verwertet als die günstigere Ethylester-Form. Und fettlösliche Vitamine wie D3 brauchen eine Fettquelle in der Mahlzeit, sonst bleibt ein Teil der Wirkung auf der Strecke.


Genauso wichtig ist die Sauberkeit: Bei Fischöl geht es um Schwermetalle und Oxidation – ranziges Öl belastet, statt zu wirken –, bei pflanzlichen Rohstoffen um Pestizidrückstände, dazu Füll-, Trenn- und Farbstoffe, die niemand braucht. Für mich als TCM-Therapeut ist das kein Nebenschauplatz: Wenn ich jemandem mit geschwächter Mitte ein Präparat voller Zusatzstoffe gebe, arbeite ich mit der einen Hand gegen das, was ich mit der anderen aufbauen will.


Genau das rechtfertigt den Preisunterschied zum billigen Regalprodukt: Gut verfügbare Verbindungen, saubere Rohstoffe und geprüfte Chargen kosten mehr. Teuer bedeutet allerdings nicht automatisch gut. Ein hoher Preis kann ebenso für Verpackung, Werbung und Influencer-Kooperationen stehen. Entscheidend ist, ob er durch das gerechtfertigt ist, was tatsächlich in der Kapsel steckt.


Worauf ich beim Etikett achte: die konkrete Verbindungsform statt nur „Magnesium", die Menge pro Tagesdosis, wenige gezielte Wirkstoffe statt zwölf, nachvollziehbare Qualitätsangaben und eine kurze Zutatenliste.



Damit ist die Frage nach der Aufnahme allerdings noch nicht zu Ende gedacht. Denn selbst das bestverfügbare Präparat ist nur ein Angebot – ob dein Körper es annimmt, hängt von etwas anderem ab.

5. Die TCM-Sicht auf Nährstoffe: Zufuhr ist nicht gleich Aufnahme


In der TCM entsteht das Qi – Qì (气) – nicht durch Zufuhr allein, sondern durch das, was der Körper aus der Nahrung tatsächlich herausziehen und verwerten kann. Qi wird grob mit „Lebensenergie" übersetzt – die TCM unterscheidet dabei je nach Ursprung und Funktion verschiedene Qi-Formen. Zuständig für die Umwandlung von Nahrung in nutzbares Qi und Blut sind Milz und Magen, in der TCM „die Mitte" genannt und der Wandlungsphase Erde – Tǔ (土) – zugeordnet.


Die TCM versteht Verdauungskraft also als die Fähigkeit des Körpers, aus Nahrung tatsächlich Substanz und Lebensenergie zu gewinnen – unabhängig davon, wie nährstoffreich das Essen auf dem Papier ist. Oder kurz: Die Bioverfügbarkeit beschreibt, was ein Präparat mitbringt. Die Verdauungskraft beschreibt, was dein Körper daraus macht.


Zentral ist dabei das Milz-Qi – Pí Qì (脾气). Es sorgt dafür, dass Nahrung nicht nur aufgenommen, sondern in feinste Substanz umgewandelt wird, aus der wiederum Qi und Blut – Xuè (血) – entstehen. Ist es geschwächt, spricht die TCM von einer Milz-Qi-Schwäche – Pí Qì Xū (脾气虚). Typische Zeichen sind Müdigkeit nach dem Essen, weicher Stuhl, Völlegefühl oder das Gefühl, ständig „aufgedunsen" zu sein.


Das erklärt ein Phänomen, das ich ständig sehe: Zwei Menschen essen nahezu identisch, einer ist vital, der andere erschöpft – nicht weil einer mehr isst, sondern weil die Verdauungskraft unterschiedlich stark ist. Ein Klassiker-Gedanke, sinngemäß nach dem Huangdi Neijing (Suwen, Kap. 2): Der überlegene Arzt behandelt, bevor die Krankheit entsteht. Übertragen heißt das: Bevor ich ein Nährstoffdefizit mit Kapseln zudecke, lohnt sich der Blick auf die Wurzel.


Denn selbst das beste Präparat kann nur wirken, wenn die Mitte stark genug ist, es aufzunehmen – ähnlich wie Regen, der auf ausgetrockneten, verhärteten Boden fällt und abfließt, statt einzusickern. Ein teures Präparat auf eine schwache Mitte zu geben, ist deshalb selten die wirksamste Investition.



6. TCM und Orthomolekulare Medizin: Gegensätze und Gemeinsamkeiten


Wo sich die beiden Sichtweisen unterscheiden – und wo sie sich treffen:


  • Schulmedizin und Orthomolekulare Medizin fragen: Wie viel von welchem Nährstoff ist im Blut nachweisbar – und wie viel fehlt?
  • Die TCM fragt zusätzlich: Wie gut kann der Körper das, was er bekommt, überhaupt aufnehmen und verwerten?
  • Die westliche Diagnostik liefert harte, messbare Zahlen – ein Laborwert lügt nicht.
  • Die TCM liefert ein Erklärungsmodell dafür, warum zwei Menschen mit identischer Ernährung unterschiedliche Blutwerte haben können.
  • Beide lehnen unkritisches „viel hilft viel" ab – die eine über Risiken und Nebenwirkungen, die andere über die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Mitte.


Die Schnittmenge ist größer, als es scheint: Ein Nährstoff nützt nur, wenn Bedarf, Bioverfügbarkeit und Aufnahmefähigkeit zusammenpassen. Der Laborwert zeigt das Was, die TCM-Diagnostik oft das Warum.



7. Wie ich in meiner Praxis in Traunstein vorgehe


Meine erste Frage ist nie „Welches Präparat brauchst du?", sondern „Was zeigt dein Körper dir gerade – und was zeigt ein Bluttest?"

Ein anonymisiertes Beispiel: Eine Patientin kam mit chronischer Müdigkeit und nahm bereits Eisen, Vitamin B12 und ein Multivitaminpräparat – ohne Besserung. Die Blutuntersuchung zeigte einen ausgeprägten Vitamin-D-Mangel, den keines der Präparate adressierte. Aus TCM-Sicht kam eine Milz-Qi-Schwäche dazu, die die Aufnahme zusätzlich erschwerte. Erst die Kombination aus gezielter Vitamin-D-Gabe und der Stärkung der Verdauungskraft durch Akupunktur, chinesische Kräutertherapie und angepasste Ernährung brachte spürbare Besserung.


Ein zweites Beispiel zeigt die andere Richtung: Ein sportlich sehr aktiver Patient nahm auf eigene Faust hochdosiertes Magnesium und Vitamin D – „kann ja nicht schaden". Sein Blutbild war unauffällig, dafür zeigten sich deutliche Zeichen einer Milz-Qi-Schwäche mit Blähungen und weichem Stuhl, die sein günstiges Magnesiumpräparat zusätzlich verstärkte. Hier stand nicht ein weiteres Präparat im Vordergrund, sondern die Stärkung der Mitte: regelmäßigere Mahlzeiten, warme statt kalte Speisen, Akupunktur für Milz und Magen.


Beide Fälle haben eines gemeinsam: Am Anfang stand nie das Präparat, sondern eine konkrete Frage – zu viel, zu wenig, die falsche Form oder schlicht die falsche Baustelle.


Genau hier arbeiten meine zwei Fachgebiete zusammen. Die Orthomolekulare Medizin liefert die Zahlen und die Kenntnis der geeigneten Verbindungen. Die TCM liefert das Verständnis dafür, warum diese Zahlen so aussehen, wie sie aussehen – und was der Körper braucht, um sie langfristig selbst zu halten, statt dauerhaft von außen nachzufüllen.



8. Prävention: Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung einsetzen


Der größte Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln liegt aus meiner Sicht nicht in der Behandlung akuter oder chronischer Erkrankungen, sondern in der Vorbeugung – darin, einen Mangel auszugleichen, bevor er sich in Beschwerden übersetzt. Damit greife ich den Gedanken aus dem Huangdi Neijing wieder auf: Der überlegene Arzt behandelt, bevor die Krankheit entsteht. Orthomolekulare Medizin und TCM sind im Kern beide präventive Systeme.


Die meisten Menschen kommen zu mir, wenn es bereits weh tut oder nicht mehr geht. Das ist verständlich, aber spät. Ein Nährstoffmangel entwickelt sich dagegen schleichend und zeigt sich lange vor einer Diagnose in Zwischentönen: etwas weniger Belastbarkeit als früher, ein Infekt mehr pro Winter, schlechtere Regeneration nach dem Sport, dünneres Haar, kürzere Zündschnur.

Das ist keine Krankheit – aber auch nicht nichts. In der TCM würde man sagen: Es reicht gerade noch, aber es ist keine Reserve mehr da.


Genau in dieser Phase arbeite ich am liebsten. Besonders häufig setze ich Mikronährstoffe präventiv ein:


  1. In den lichtärmeren Monaten von Oktober bis März, wenn die körpereigene Vitamin-D-Bildung im Chiemgau praktisch stillsteht.
  2. In Lebensphasen mit erhöhtem Bedarf – Schwangerschaft, Stillzeit, Wachstum, intensive Trainingsphasen.
  3. In Phasen anhaltender Belastung: berufliche Umbrüche, Schlafmangel, Pflege von Angehörigen.
  4. Bei einseitiger oder eingeschränkter Ernährung, etwa rein pflanzlich, bei Unverträglichkeiten oder Zeitmangel im Alltag.


Wichtig ist mir die Reihenfolge: Prävention beginnt nicht mit einer Kapsel, sondern mit Ernährung, Schlaf, Bewegung und einer ausgeglichenen Lebensweise. Nahrungsergänzungsmittel schließen die Lücke, die dann noch bleibt – sie ersetzen nicht das Fundament.



9. Praktische Tipps für den Alltag: Bedarf vor Präparat


Bevor du das nächste Fläschchen kaufst, probiere diese Reihenfolge: erst die Frage nach dem tatsächlichen Bedarf – am besten durch ein Blutbild –, dann die nach der Verdauungskraft, dann die nach der Qualität, und erst zuletzt die nach der Marke.


Tipp 1 – Der Alltags-Check nach dem Essen: Fühlst du dich nach dem Essen eher energiegeladen oder eher schwer und müde? Häufiges Völlegefühl, weicher Stuhl oder Blähungen sind für mich oft deutlichere Hinweise auf eine geschwächte Verdauungskraft als jedes Nährstoffprofil allein.


Tipp 2 – Warm statt kalt: Kalte Getränke und große Mengen Rohkost schwächen aus TCM-Sicht die Verdauungskraft, weil die Mitte Energie aufwenden muss, um sie erst zu „erwärmen". Ersetze für zwei Wochen dein Glas Wasser aus dem Kühlschrank durch warmes oder zimmerwarmes und beobachte, ob sich dein Energielevel nach dem Essen verändert.


Tipp 3 – Dreh die Packung um: Auf der Vorderseite steht das Versprechen, auf der Rückseite die Wahrheit. Schau auf Verbindungsform, Menge pro Tagesdosis und Zutatenliste. Steht dort nur „Magnesium 400 mg", ohne zu sagen welche Verbindung, ist das für mich kein gutes Zeichen. Und nimm fettlösliche Vitamine wie D3 zu einer Mahlzeit mit etwas Fett – das kostet nichts und verbessert die Aufnahme spürbar.


Tipp 4 – Ein Nährstoff nach dem anderen: Ergänze gezielt einen oder zwei Nährstoffe, nicht gleich fünf. So kannst du beobachten, was wirklich wirkt.




Für wen ist die Kombination aus TCM und Orthomolekularer Medizin geeignet?


  • Menschen mit chronischer Müdigkeit trotz „normaler" Blutwerte
  • Menschen, die bereits mehrere Präparate einnehmen, ohne spürbare Besserung
  • Menschen mit Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Völlegefühl oder weichem Stuhl
  • Menschen mit nachgewiesenem Vitamin-D- oder Omega-3-Mangel
  • Sportlich aktive Menschen mit hohem Nährstoffverbrauch
  • Schwangere und stillende Frauen mit erhöhtem Nährstoffbedarf
  • Menschen unter chronischem Stress, die ihren erhöhten Mikronährstoffverbrauch nicht kennen
  • Sind Nahrungsergänzungsmittel wirklich notwendig?

    Für die meisten Menschen mit ausgewogener Ernährung sind pauschale Nahrungsergänzungsmittel nicht notwendig – mit zwei Ausnahmen: Bei Vitamin D und Omega-3 reicht die Versorgung bei der großen Mehrheit ohne gezielte Ergänzung nicht aus, weil die körpereigene Vitamin-D-Bildung in unseren Breiten fünf bis sechs Monate im Jahr stillsteht und die empfohlenen Omega-3-Werte über den üblichen Fischkonsum kaum erreichbar sind. Darüber hinaus wird eine gezielte Supplementierung bei diagnostiziertem Mangel oder erhöhtem Bedarf sinnvoll: Vitamin B12 bei veganer Ernährung, Folsäure in der Schwangerschaft, Eisen bei nachgewiesenem Mangel.

  • Was bedeutet Bioverfügbarkeit bei Nahrungsergänzungsmitteln?

    Die Niere gehört zum Winter, die Leber zum Frühling, das Herz zum Sommer, Milz und Magen zum Spätsommer und die Lunge zum Herbst. Diese Zuordnung folgt gemeinsamen Eigenschaften: Der Winter ist kalt und nach innen gerichtet wie die Nieren-Energie, der Frühling aufsteigend und bewegt wie die Leber, der Sommer heiß und aktiv wie das Herz. Wer im Herbst regelmäßig erkältet ist oder im Winter besonders erschöpft und ängstlich wirkt, kann das als ersten Hinweis auf die jeweils zugeordnete Wandlungsphase lesen und gezielter gegensteuern.

  • Reicht Sonne im Sommer aus, um den Vitamin-D-Bedarf zu decken?

    Ja. Zahlreiche Studien bestätigen den Nutzen von Mikronährstoffen bei einem Defizit;

    • Vitamin D bei Immunschwäche
    • Omega-3-Fettsäuren bei chronischen Entzündungen 
    • Multivitamine bei chronischer Müdigkeit und Vitalitätsverlust

    Ich verbinde diese wissenschaftlich fundierte Basis mit der ganzheitlichen Betrachtungsweise der TCM.


  • Sind teure Nahrungsergänzungsmittel besser?

    Die einfachste Methode: Welche Jahreszeit ist gerade? Frühling entspricht Holz (Leber, Aufbruch, Bewegung), Sommer entspricht Feuer (Herz, Verbindung, Freude), Spätsommer entspricht Erde (Milz, Nährung, Ruhe), Herbst entspricht Metall (Lunge, Loslassen, Atemtiefe), Winter entspricht Wasser (Niere, Rückzug, Schlaf). Eine einzige Empfehlung der aktuellen Phase konkret umsetzen — das reicht als Einstieg. Yang Shen braucht keine Perfektion, nur Richtung.


  • Werden Nahrungsergänzungsmittel auf ihre Wirksamkeit geprüft?

    Besonders profitieren Menschen mit:

    • Erschöpfung, Energiemangel und Schlafproblemen
    • Autoimmunerkrankungen und chronischen Entzündungen
    • hormonellen Dysbalancen oder Kinderwunsch
    • Hautproblemen, Allergien oder Unverträglichkeiten
    • psychosomatischen Beschwerden, Stress oder Ängsten

    Auch präventiv kann die Kombination helfen, den Körper zu stabilisieren und das Immunsystem zu stärken.


  • Sind Nahrungsergänzungsmittel auch zur Vorbeugung sinnvoll?

    Yin (阴) und Yang (阳) beschreiben zwei gegensätzliche, aber sich ergänzende Kräfte — etwa Ruhe und Aktivität, Kälte und Wärme, Substanz und Funktion. Gesundheit entsteht laut TCM aus ihrem dynamischen Gleichgewicht, nicht aus der Dominanz einer der beiden Seiten. Auch die fünf Wandlungsphasen selbst lassen sich diesem Prinzip zuordnen: Wasser und Holz gelten als eher yin-betont, Feuer als am stärksten yang-betont, während Erde eine vermittelnde Position zwischen beiden einnimmt.

  • Was sagt die TCM zu Vitaminmangel?

    Die TCM erklärt Nährstoffmängel häufig über eine geschwächte Milz-Qi-Funktion – Pí Qì Xū (脾气虚): Ist die Verdauungskraft geschwächt, kann der Körper Nährstoffe schlechter aufnehmen und verwerten – selbst bei ausreichender Zufuhr und gut bioverfügbaren Präparaten. Typische Zeichen sind Müdigkeit nach dem Essen, weicher Stuhl oder Völlegefühl.

Mein Fazit zu Nahrungsergänzungsmitteln


Notwendig oder Marketing? Beides existiert nebeneinander – im selben Regal, oft sogar im selben Produkt. Nahrungsergänzungsmittel sind weder grundsätzlich überflüssig noch ein Wundermittel. Sie sind ein Werkzeug, das nur dann wirkt, wenn drei Dinge zusammenkommen: ein echter Bedarf, eine saubere Form, die der Körper aufnehmen kann, und eine Verdauungskraft, die daraus etwas macht. Ihr größter Wert liegt dabei nicht dort, wo bereits etwas schmerzt, sondern davor.

Wie Paracelsus es formulierte: „Die Dosis macht das Gift." (Septem Defensiones, 1538) Bevor du das nächste Präparat kaufst, lohnt sich deshalb die ehrlichere Frage: Wie gut verdaut und verwertet mein Körper das, was ich ihm bereits gebe?


Wenn du neugierig geworden bist, dich aber noch nicht ganz sicher bist: Nimm gerne Kontakt auf – ruf mich gerne an oder schreib mir eine Mail. Spür hinein. Und erlaube dir, auch mit leisen Mitteln große Wirkung zu erfahren.



ZITATE & QUELLEN



„Die Dosis macht das Gift." – gesichert: Paracelsus, Septem Defensiones, 1538


„Der überlegene Arzt behandelt, bevor die Krankheit entsteht." – paraphrasiert: sinngemäß nach Huangdi Neijing, Suwen, Kap. 2, nach Paul Unschuld, Huang Di Nei Jing Su Wen, University of California Press, 2003


Hinweis: Alle als „paraphrasiert" gekennzeichneten Zitate geben den belegten Kerngedanken wieder, sind aber keine wörtlichen Übersetzungen. Bitte vor Veröffentlichung prüfen.


Faktische Quellen (Recherche):


Stiftung Ernährung und Gesundheit: https://ernaehrung.de/nahrungsergaenzungsmittel-braucht-man-sie-wirklich/


Techniker Krankenkasse: https://www.tk.de/techniker/gesundheit-foerdern/gesunde-ernaehrung/essen-und-wissen/nahrungsergaenzungsmittel-2030356


foodwatch: https://www.foodwatch.org/de/welche-nahrungsergaenzungsmittel-sind-wirklich-sinnvoll


Zeitschrift für Sportmedizin (Orthomolekulare Medizin, Vorsicht geboten): https://www.zeitschrift-sportmedizin.de/orthomolekulare-medizin-vorsicht-ist-geboten/


Naturheilkunde.de (Orthomolekulare Medizin): https://www.naturheilkunde.de/naturheilverfahren/orthomolekulare-medizin.html


Vitamin-D-Versorgung Deutschland (RKI/BfR/DGE, via Verbraucherzentrale): https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/vitamin-dversorgung-in-deutschland-80200


Omega-3-Mangel weltweit (t-online, Fettsäurestatus-Untersuchung): https://www.t-online.de/gesundheit/aktuelles/id_101031522/omega-3-mangel-drei-viertel-der-weltbevoelkerung-nehmen-zu-wenig-davon-auf.html


Vitamin-D-Synthese abhängig vom Breitengrad (48.–54. Breitengrad, 5–6 Monate ohne Eigensynthese) sowie RKI-Winterdaten (>50 % unter 20 ng/ml): Osteoporose Selbsthilfegruppen Dachverband: https://www.osd-ev.org/patienten/ernaehrung/vitamin-d-mangel


Sommerspeicher reichen meist nicht über den Winter: Cefak Gesundheitsmagazin: https://www.cefak.com/gesundheitsmagazin/vitalstoffe/vitamin-d/vitamin-d-und-wintersonne/


Omega-3-Tagesbedarf nach WHO/DGE (250–300 mg EPA+DHA): https://www.omega3-info.de/ernaehrung/omega-3-tagesbedarf.html


Omega-3-Index Zielbereich 8–11 % sowie Erreichbarkeit über Fischverzehr, Arbeitskreis Omega-3 e.V.: https://ak-omega-3.de/omega-3-fettsaeuren/wieviel-omega-3-fettsaeuren-braucht-der-mensch/


Rückgang Nährstoffdichte Obst/Gemüse 1950–1999 (Davis, University of Texas, 2004): https://www.qiio.de/wieviel-naehrstoffe-sind-noch-im-gemuese-studien-zeichnen-ein-besorgniserregendes-bild/


Rechtliche Einordnung NEM als Lebensmittel (NemV), BVL: https://www.bvl.bund.de/DE/

Arbeitsbereiche/01_Lebensmittel/03_Verbraucher/04_NEM/01_NEM_Arzneimittel/NEM_Arzneimittel_node.html


Gesetzliche Regelungen für Nahrungsergänzungsmittel, Lebensmittelverband Deutschland: https://www.lebensmittelverband.de/de/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/nem-gesetzliche-regelungen


Marktzahlen NEM Deutschland (4,3 Mrd. Euro, 415 Mio. Packungen, Sept. 2024–Sept. 2025), Lebensmittelverband Deutschland, Juni 2026: https://www.lebensmittelverband.de/de/aktuell/2026-06-30-marktentwicklung-von-nahrungsergaenzungsmitteln-neue-datengrundlage-sorgt-fuer-mehr-markttransparenz


Bioverfügbarkeit Magnesiumcitrat vs. Magnesiumoxid (randomisierte Crossover-Studie), Gesellschaft für Magnesium-Forschung e.V.: https://www.magnesium-ges.de/vortragsabstracts/37-symposium-der-gesellschaft-fuer-magnesium-forschung-e-v-2/bioverfuegbarkeit-von-magnesiumcitrat-im-vergleich-zu-magnesiumoxid-eine-randomisierte-crossover-studie-mit-gesunden-probanden/


Omega-3 in Triglycerid-Form vs. Ethylester, Ärzte Zeitung: https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Omega-Fettsaeuren-in-Triglycerid-Form-haben-Vorteile-283917.html


Hinweis: Die Prozentangaben zu Vitamin D und Omega-3 stammen aus Sekundärquellen – vor Veröffentlichung Primärquellen prüfen. Die Aussagen zur Bioverfügbarkeit sind bewusst ohne konkrete Prozentzahlen formuliert, da die publizierten Werte je nach Studiendesign stark streuen.

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